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Persönlichkeiten
in der Geschichte der Medizintechnik
Die
untenstehehnden Artikel sind Veröffentlichungen des Med Archivs,
die auch in der print und online Ausgabe der "icare" zu finden
sind.
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"Die
Offenbarung einer Nacht"
Es war am 8.
November 1895, als W.C. Röntgen spät abends in seinem
Laboratorium "etwas Neues beobachtete", wie er
es in seiner sachlich-schlichten Art formulierte.
Seine Entdeckung
war der "Aufbruch in die Innenräume der Materie",
so einer seiner zahlreichen Biographen. Die weltweite Resonanz
auf die sensationelle Nachricht wirft ein bezeichnendes Licht
auf die Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und For-schung einerseits
und Wirtschaft und Gesellschaft andererseits. Röntgens Entdeckung
gab dem Verlauf der Medizingeschichte eine neue Richtung, veränderte
die Welt der Ärzte und Patienten, sprich der Gesellschaft,
und setzte neue wirtschaftliche Maßstäbe. Die Entdeckung
und Nutzbarmachung der Röntgenstrahlen bedeuteten einen historisch
vermutlich nur mit der Einführung des Buchdrucks vergleichbaren
Umbruch.
Herausforderung
an die Technik
Röntgens
Entdeckung war gleichzeitig eine Herausforderung an den bestehenden
Stand der Technik. Das Erlanger Unternehmen Reiniger, Gebbert
& Schall reagierte schnell auf die Nachricht von Röntgens
Entdeckung mit der Produktion von Röntgenröhren, die
sie von einer thüringischen Firma bezog. Röntgen attestiert
in seinem bekannten Schreiben an Max Gebbert die hohe Qualität
der Röhren, moniert aber den Preis.
Wir kennen
die Original-Antwort des Erlanger Unternehmers nicht, doch aus
einem Schreiben des Würzburger Professors an seinen Schweizer
Assistenten und Vertrau-ten Ludwig Zehnder geht hervor, dass Gebbert
erwartungsgemäß im Sinne seines prominenten Kunden
reagiert hatte. In diesem Brief schreibt Röntgen: "Nun
arbeite ich mit Erlanger Röhren (Reiniger, Gebbert &
Schall), die recht gut sind, die aber 20 M pro Stück kosten
(Vorzugspreis, sonst 30 M). ... Das ist ein teurer Spaß."
Die Ansprüche
an Qualität und Haltbarkeit der Röntgenröhren waren
hoch. So ließ Röntgen über Zehnder auch Röhren
bei einer Firma Hard in Zürich fertigen. In einem Schreiben
vom 2. Dezember 1896 erwähnt Röntgen auch die AEG in
Berlin und die "sehr guten Röhren von Reiniger, Gebbert
& Schall in Erlangen", die der Züricher Fabrik
überlegen seien.
Neue Welten
in der Forschung
W. C. Röntgen
hatte mit seinem Forschergeist einen Weg zu neuen bis dato unbekannten
Wirklichkeiten aufgetan. 1896 untersuchte Henry Bequerel Uransalze
und stieß auf Emissionen, die ebenfalls undurchsichtige
Körper durchdrangen und die Photoplatte schwärzten.
Marie Curie entdeckte 1898 die Strahlungen der Thoriumsalze, im
gleichen Jahr mit ihrem Mann Pierre das Polonium und das stark
strahlende Radium. 1900 fand Max Planck die Gleichung für
die Quantenphysik.
Mit Röntgens Entdeckung und Plancks Quantentheorie taten
sich in der Physik völlig neue Dimensionen auf.
W.C. Röntgen
starb am 10 Februar 1923 nach langem Krebsleiden . Er hatte zwar
verfügt, dass sein wissenschaftlicher Nachlass vernichtet
werde, aber seine Entde-ckung ist und bleibt die Grundlage der
über 110jährigen Röntgen-Erfolgsgeschichte des
Hauses Siemens Healthcare.
Ausführliche
Röntgen-Biogaphie
Titel nach:
Friedrich Dessauer, Die Offenbarung einer Nacht. Leben und Werk
von W.C. Röntgen; Frankfurt, 1958.
(Artikel veröffent
in: Icare online, 10. Februar 2008)
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Erwin Moritz
Reiniger - Vom Experimentiergehilfen zum Firmengründer
Erwin
Moritz Reiniger wurde am 5. April 1854 in Stuttgart geboren. Er
stammte aus einer alten, angesehenen Stuttgarter Kaufmannsfamilie.
Sein Vater war Inhaber einer Gold- und Schmuckwarenfabrik.
Aufbruch nach
Erlangen
Über Erziehung und Ausbildung Reinigers gibt es keine zuverlässigen
Angaben. Erste praktische Erfahrungen sammelte er wohl in der Fabrik
seines Vaters, bevor er 1875 als Volontär zu einem Mechaniker
nach Nürnberg wechselte. Kurze Zeit später, am 1. April
1876, nahm Reiniger eine Stelle als Experimentalgehilfe am Physikalischen
Institut der Universität Erlangen bei Professor Lommel, einem
Jugendfreund seines Vaters, an.
Der
Weg in die Selbstständigkeit
Nebenher verrichtete Reiniger Reparaturarbeiten, auch für
andere Universitätsinstitute sowie Privatpersonen, gegen
Rechnung. So konnte er sein damaliges Jahresgehalt von 749,76
Mark, heute rund 3600 Euro, um 500 Mark aufbessern.
Reinigers
Werkstatt befand sich im sogenannten Museum, dem alten Kollegienhaus,
in dem sich das heutige Mineralogische Institut befindet.
Diese Werkstatt wurde bald zu klein, sodass Reiniger am 5. April
1877, im Haus Schlossplatz 3, zwei Räume anmietete.
Dort richtete
er sich eine eigene mechanische Werkstatt und einen Verkaufsraum
ein. Der erste Mechanikergehilfe, Richard Henning, wurde am 24.
Mai 1877 eingestellt.
Dieses Datum
gilt als das Gründungsdatum der Medizintechnik in Erlangen.
Der Schlüssel,
mit dem Reiniger seine Werkstatt am Schlossplatz aufgeschlossen
hat, befindet sich heute im Siemens MedArchiv (Henkestraße
114).
Im gleichen Jahr startete Reiniger seine erste Werbekampagne.
Die Doppelbelastung
Reinigers, durch Universitätstätigkeit und eigene Werkstatt,
nahm immer mehr
zu und so kündigte er Ende Januar 1878 seine Stelle bei Professor
Lommel. Auch privat änderte sich einiges für den jetzigen
Universitäts-Mechaniker Reiniger. Am 30. Dezember 1879 heiratete
er die Pfarrerstochter Maria Schlaich aus Deggerloch, mit der
er später drei Kinder hatte.
Eigene
Werkstatt
Das Unternehmen florierte, und es gelang es Reiniger bereits
1880 das Haus am Schlossplatz 3 zu kaufen und den Betrieb weiter
auszubauen. Bis 1884 konnte er drei anerkennende Zertifikate und
Auszeichnungen erringen, ein Jahr später bestand sein Unternehmen
aus 15 Mitarbeitern: 6 Mechaniker, 1 Gehilfe, 2 Schreiner, 1 Schraubendreher,
1 Hausknecht, 1 Buchhalter, 1 Comptoirist (Kontorverwalter), 1
Kaufmannslehrling und 1 Comis (Gehilfe). Um den Absatz seiner
Produkte weiter zu erhöhen, verschickte Reiniger Werbeprospekte
an verschiedene Tübinger Professoren der Medizinischen Fakultät.
Karl
Schall, einer der späteren Mitbegründer von Reiniger,
Gebbert & Schall, hatte Kontakte zu einigen dieser Professoren
und wurde dadurch auf Reiniger in Erlangen aufmerksam. Auf einer
Instrumentenausstellung in Straßburg kam Reiniger erstmals
persönlich mit Karl Schall und dessen Firmenpartner Max Gebbert
zusammen.
Gründung
von "Reiniger, Gebbert & Schall"
Auf Reinigers Vorschlag hin gründeten die drei am 1. Januar
1886 die "Vereinigten Physikalisch-Mechanischen Werkstätten
von Reiniger, Gebbert & Schall. Erlangen-New York-Stuttgart
oHG".
Ihre Wahl
fiel nicht von ungefähr auf das fränkische Erlangen.
Zum einen war dort seit 1743 die Universität mit den dazugehörigen
Uni-Kliniken ansässig, zum anderen hatten die Hugenotten
mit ihren Wirkereien und Manufakturen schon im 17. / 18. Jahrhundert
vorindustrielle Strukturen geschaffen.
Fabrikneubau
Bald musste RGS (Reiniger, Gebbert und Schall) nach neuen Räumlichkeiten
Ausschau halten. An der damaligen Buckenhofer Straße, die
heutige Gebbertstraße, wurde ein neues Werk errichtet. Die
alte Werkstatt am Schlossplatz verkaufte Reiniger für 29.000
Mark, nach heutiger Kaufkraft umgerechnet für rund 280.000
Euro.
Aus der kleinen
Werkstatt hatte sich ein 300-Mann-Betrieb, mit weltweit über
100 Niederlassungen, entwickelt.
Der Ausstieg
Den eigentlichen Wendepunkt in der Geschichte von RGS sollte Reiniger
nicht mehr als Teilhaber miterleben. Ein halbes Jahr vor der Entdeckung
der Röntgenstrahlen verließ er am 1. Juni 1895 ?aus
Gesundheitsgründen? die Firma und ließ sich seinen
Anteil von Gebbert ausbezahlen, was diesem nur unter großen
Mühen gelang.
Max Gebbert
selbst blieb als Alleinunternehmer übrig und konzentrierte
in den folgenden Jahren die Produktion der Firma fast ausschließlich
auf das Geschäft mit der neuen Röntgentechnik.
Ende in
Armut
Reiniger kaufte mit der erhaltenen Abfindung in München die
?Bayerische Glühlampenfabrik?, die er später an eine
spanische Firma weiterveräußerte. Seine Geschäfte
brachten ihm jedoch nicht den erhofften Gewinn.
Er zog sich
ins Privatleben zurück und starb am 2. April 1909 verarmt
in München. Nach seinem Tod musste sich seine Witwe mit Handarbeiten
mühsam ihren Lebensunterhalt verdienen. Von dem einst großen
Vermögen war durch die Unternehmungen ihres Mannes in seinen
letzten Lebensjahren nicht mehr viel übriggeblieben.
In ihrer Not
wandte sie sich an den Aufsichtsrat von Reiniger, Gebbert &
Schall in Erlangen und bat um Hilfe. Sie wurde von RGS bis an
ihr Lebensende mit einer Leibrente unterstützt.
Erinnerungen
Seit 1948 heißt eine Straße in Erlangen Süd,
ihm zu Ehren, "Reiniger-Straße". Bis
zum Jahre 1966 blieb sein Name Bestandteil der "Siemens Reiniger
Werke".
Weitere
Informationen zu Erwin Moritz Reiniger
(Artikel veröffentlicht
in: Icare online 23. Juli 2004)
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| Der
feine Herr Mechaniker
Große
Namen in der Geschichte unseres Hauses: Johann Georg Halske
Johann Georg
Halske, der Gentleman mit der obligatorischen Fliege zählt
zu den großen Persönlichkeiten des 19.Jahrhunderts.
Johann Georg
Halske wurde am 30.07.1814 als Sohn des Zuckermaklers Johann HeinrichHalske
und dessen Ehefrau Johanna Katherina in Hamburg geboren. Schon mit
elf Jahren verschlug es ihn zu seinem Onkel in seine spätere
Wahlheimat Berlin, wo er das Gymnasium zum "Grauen Kloster"
besuchte. Früh zeigte sich hier seine große naturwissenschaftliche
Begabung.
Nach erfolgreichem
Schulabschluß begann Helske eine Lehre zum Maschinenbauer,
eine damals neue Berufssparte, die großen Reiz auf junge Männer
ausübte. Er begann die Ausbildung bei seinem Lehrherrn Schneggenburger
in Berlin. Die Arbeit erforderte jedoch ein hohes Maß an körperlicher
Fitness, was für Halskes eher schwächliche Körperverfassung
auf Dauer zu anstrengend war. So wurde ihm eine neue Tätigkeit
beim Präzisionsmechaniker Hirschmann zugewiesen. Bei dieser
Arbeit bewies er eine schnelle Auffassungsgabe und großes
Geschick.
.
Die erste eigene Werkstatt
1844
gründete er zusammen mit F.M. Bötticher eine eigene Werkstatt,
die vor allem Aufträge der Universität Berlin ausführte.
Das darauffolgende Jahr war Halskes "Schicksalsjahr":
Im Haus von Albertus Magnus wurde die "Physikalische Gesellschaft
Berlin" gegründet, der später auch Werner von Siemens
angehörte. In diesem Zirkel trafen sich die beiden späteren
Geschäftspartner zum ersten Mal. Das Bild zeigt einen von Halske
gefertigten und von E.du Bois-Reymond entwickelten Schlitten-Induktor.
Werner Siemens,
der zu dieser Zeit an einem Zeigertelegraphen arbeitete, war von
dem Schlitten-Induktor, den Halske für du Bois-Reymond fertigte
dermaßen beeindruckt, dass er überzeugt war: Nur dieser
Mann war in der Lage, seinen Zeigertelegraphen nach seinen Ansprüchen
zu bauen. Aus Briefen des Werner Siemens geht hervor, dass er deshalb
ab dem Jahre 1847 ein Abkommen mit der kleinen Firma Bötticher
& Halske traf, wonach diese die Telegraphen auf Bestellung herstellen
sollte.
Gründung
von Siemens & Halske
Noch im Oktober des selben Jahres trennte sich Halske von seinem
bisherigen Partner und gründete mit Werner von Siemens die
?Telegraphenbauanstalt Siemens & Halske? in einer kleinen Werkstatt
im Westen Berlins, in der Schöneberger Str. 19. Damit war der
Grundstein für das spätere Weltunternehmen gelegt.
Die beiden Männer
ergänzten sich ideal: Siemens der geniale Erfinder, Halske
der talentierte Mechaniker. Der erste Erfolg des jungen Unternehmens
stellte sich bereits 1848 mit dem Bau der Telegraphenlinie von Berlin
nach Frankfurt am Main ein. Das Geschäft florierte, so dass
die kleine Firma im Jahre 1852 in ein größeres Gebäude
in die Markgrafenstr. 94 umziehen musste.
Halske sah allerdings
in dem stetig wachsenden Unternehmen immer noch den kleinen Betrieb.
So lehnte er auch einen Auftrag aus England entschieden ab, den
Siemens zur Überprüfung der Tiefseekabel erhielt. Das
Unternehmen dehnte sich nach Russland und England aus, so dass 1857/58
auf Akkordarbeit und Serienfertigung umgestellt wurde. Dieser Entwicklung
stellte sich Halske lange, aber letztendlich erfolglos entgegen.
Unbehagen
und Ausstieg
Angesichts der Massenproduktion fühlte sich Halske zusehends
unwohl, so dass er auch aus dem Berliner Geschäft aussteigen
wollte. Im August 1867 war es dann soweit: Halske schied auf eigenen
Wunsch aus der Firma aus, beließ allerdings weiterhin einen
großen Teil seines Kapitals als Darlehen in der Firma. Und
auch der langjährigen Freundschaft zwischen ihm und Siemens
tat der Ausstieg keinen Abbruch.
38 Jahre
verheiratet
Halske hatte 1846 Henriette Friederike Schmidt geheiratet mit der
er vier Kinder hatte. Sie war bis zu ihrem Tod 38 Jahre lang die
Frau an seiner Seite. Er wurde 76 Jahre alt und starb am 18. März
1890. Unter großer Anteilnahme der Berliner Öffentlichkeit
und "seiner" Firma wurde er auf dem Dreifaltigkeitskirchhof
in der Bergmannstraße beigesetzt.
Würdigung
Die Freundschaft zu Werner Siemens (der 1888 geadelt wurde), hatte
Helske zum Mitbegründer einer Weltfirma werden lassen, die
bis zu seinem Tode seinen Namen trug.
Die dauerhaften
Werte, die Halske in das Unternehmen eingebracht hatte, wurden im
'Deutschen Volkswirt' zu seinem 50. Todestag so dargestellt: "Er
war der Mann, der die schöpferischen Ideen und Erfindungen
von Werner Siemens dank seiner ungewöhnlichen technisch-mechanischen
Begabung in die praktische Wirklichkeit umzusetzen verstand, eine
Aufgabe, die infolge der Neuartigkeit der Problemstellungen ein
einzigartiges Geschick voraussetzte und vielleicht nicht minder
schwierig war als die geistige Konzeption selbst."
Mehr
zu Johann Georg Halske und anderen Gründervätern der Medizintechnik
(Artikel veröffentlicht
in: Icare online 13. Dezember 2004)
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Der erste
SRW-Archivar: Karl Lasser
1948
übernahm Karl Lasser offiziell das Sammeln und Auswerten
von Unterlagen zur Firmengeschichte und Technik zur Errichtung
eines SRW-Archivs, das im gleichen Jahre gegründet wurde.
Karl Lasser
wurde am 20. August 1884 als Sohn des Ingenieurs Oskar Lasser
und seiner Frau Theresa in Berlin geboren. Nach Besuch der Volksschule
und der Realschule legte er 1901 die Reifeprüfung ab. Während
einer zweijährigen Lehrzeit von 1901 bis 1903 wurde er als
Werkzeugmacher und Mechaniker im Wernerwerk der Siemens &
Halske AG Berlin ausgebildet.
Von 1904 bis
1907 studierte er Physik und Chemie an der Universität Berlin
und absolvierte ein Studium der Elektrotechnik an der Technischen
Hochschule Berlin-Charlottenburg. 1908 trat er in das Wernerwerk
der S&H AG in Berlin-Siemensstadt ein, wo er als Laboratoriums-
und Vertriebsingenieur in der Röntgenabteilung tätig
war.
Anfänge
in Siemensstadt
Ab 1914 war Lasser maßgeblich am Bau des ersten "Centralröntgen-Institutes"
in Hamburg am St.-Georgs-Krankenhaus unter Prof. Albers-Schönberg
beteiligt.
Er machte schnell Karriere: 1919 wurde er zum Oberingenieur, 1921
zum Handlungsbevollmächtigten und 1922 zum Prokuristen befördert.
1925 fand
die Fusion zwischen der elektromedizinischen Abteilung von Siemens
& Halske mit der Reiniger, Gebbert & Schall AG Erlangen
statt. Lasser wurde in die neu gegründete Gesellschaft als
Direktor der "Technischen Leitung Vertrieb" nach Erlangen
versetzt. Seine Tätigkeit umfassste unter anderem die Werbung
und den Verkehr mit den Gesundheitsbehörden, die Planung
und Ausstattung von Röntgen- und elektro-medizinischen Instituten,
die Preisgestaltung.
Ab 1946 machte
sich Lasser an die Erstellung eines technischen Nachschlagewerkes
"Elektromedizinische Technik". Dazu lagen ihm der Auftrag
des von der amerikanischen Militärregierung zugelassenen
Verlages Georg Thieme und Gutachten bekannter Ärzte und Klinkdirektoren
vor, "dass diese Arbeit im Interesse des Gesundheitsdienstes
richtig und schnellstens durchgeführt werden soll" (K.
Lasser in seinem "Kurzgefassten Lebenslauf", 1946).
Lasser war
überzeugt, dass es "keine Firma auf der Welt gibt, die
alle Zweige der Elektromedizin von Anfang an so bearbeitet hat
wie die Siemens-Reiniger-Werke und ihre Mutterfirmen [also vor
allem RGS ]... Insbesondere habe ich die Zusammenarbeit mit den
schon verstorbenen und den noch lebenden ärztlichen Wissenschaftlern
hervorgehoben um darzulegen, dass wir stets bestrebt waren, mit
der ärztlichen Wissenschaft auf das Innigste zusammen zu
arbeiten und medizinische Forschungsergebnisse mit dem technischen
Fortschritt zu vereinigen."
Lasser ging
an sein zukünftiges Werk mit geradezu missionarischem Eifer.
... "Umso mehr halte ich es für erforderlich, dass einmal
zusammenhängend ausgeführt wird, welche wichtige Aufgabe
im Hause Siemens die SRW (Siemens Reiniger Werke) zu erfüllen
hat. Wir können meines Erachtens in dieser Beziehung durchaus
an die Seite anderer sehr wichtiger Zweige des Arbeitsgebietes
von S&H und SSW (Siemens Schuckert Werke) treten."
Zum 75. Geschäftsjubiläum
der SRW im Jahre 1952 legte Lasser "eine Jubiläumsschrift
mit einer reichhaltigen Bildsammlung von wichtigen Persönlichkeiten,
Fabrikbauten, wirtschaftlichen Leistungen, sozialen Einrichtung,
Statistik und kurzgefasster Technik" an.
Dieses einmalige
Werk kam nicht mehr in den Druck. Karl Lasser war seinen letzten
Lebensjahren von einem Dauerleiden befallen, das ihn zwang, im
Juli 1945 in den Ruhestand zu treten. In seinem Abschiedsschreiben
an Peter von Siemens vom 16. Juli 1945 schreibt er: "Ich
scheide aus dem Hause Siemens mit reinem Gewissen Ihnen und dem
Hause gegenüber... Ich trat als Praktikant 1901 bei der Siemens
& Halske AG ein... Seitdem gehöre ich dem Hause ohne
Unterbrechung nunmehr 37 Jahr an. Ich verlasse meine Stellung
schweren Herzens. Stolz bin ich darauf, dem Hause Siemens angehört
und gedient zu haben. Wenn ich ein Scherflein dazu beitragen konnte,
den Namen Siemens auf dem Gebiet der Elektromedizin zu einem in
der ganzen Welt geachteten zu machen, so erfüllt mich dies
mit Freude und Genugtuung..."
Gründung
des SRW-Archivs
1948 übernahm Lasser offiziell das Sammeln und Auswerten
von Unterlagen zur Firmengeschichte und Technik zur Errichtung
eines SRW-Archivs, das im gleichen Jahre gegründet wurde.
Dieser Tätigkeit widmete er sich mit unermüdlichem Eifer
bis zum Jahre 1954, als er am 2. Dezember seiner langen Krankheit
erlag. Er wurde auf dem Erlanger Zentralfriedhof begraben.
Im Nachruf
der Firmenleitung heißt es: "Herr Lasser war einer
der ältesten Röntgenpioniere. Er hatte nicht nur großes
technisches Wissen, sondern auch ein warmes Herz und war aufgeschlossen
gegenüber jedem menschlichen Anliegen... Er hat von Beginn
seiner Tätigkeit an auf dem Röntgen- und elektromedizinischem
Gebiet gearbeitet, dem bis zu seinem Lebensende seine ganze Liebe
gehörte..."
Lassers Werk
ist im Siemens MedArchiv in Form von 4 Leitzordnern erhalten und
bildet eine Art "Herzstück" der Bestände.
Sie sind betitelt "Geschichte und wirtschaftliche Ereignisse"
(mit Kopienband), "Technische und wirtschaftliche Entwicklung
der Firma" und "100 Jahre Medizintechnik im Hause Siemens".
Sie haben heute ihren Platz in der Archiv-Bibliothek, wo sie eingesehen
werden können.
Die Gründungsurkunde
des SRW-Archivs von 1948 hängt heute in der Bibliothek des
MedArchivs. Das Archiv des Siemens-Konzerns war ein Jahr vorher
in München zum 100jährigen Bestehen von S&H aus
der Taufe gehoben worden. Da die Geschichte von Medical Solutions
in Erlangen ihren Anfang genommen hat, war die Gründung eines
eigenen medizintechnischen Archivs nahe liegend.
(Artikel veröffentlicht
in: Icare online 17. Februar 2005)
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Geniale
Erfindung revolutionierte Zahnarztpraxen
Vor 45 Jahren
starb der Entwickler des ersten elektrischen Zahnbohrers - Kommerzienrat
William Niendorf
Kommerzienrat
William Niendorf
William besuchte bis zu seinem 14. Lebensjahr die Volksschule. Eine
Lehrstelle bei Siemens & Halske, wie er sich es vorstellte,
bekamen nur diejenigen, die das Einjährige Freiwilligexamen
bestanden hatten. Bei anderen Firmen mussten z.T. bis zu 300 RM
Lehrgeld im Voraus bezahlt werden.
So bestimmte
ihn sein Vormund zum Tapezierer. "Das habe ich",
schreibt Niendorf in seinem Lebenslauf, "etwa ein Vierteljahr
gelernt und dann bin ich davon gelaufen".
Darauf schaffte
es sein Vormund, William bei einem ehemaligen Siemens-Mechaniker
unter zu kommen. Bald erkannte man die ungewöhnliche manuelle
Geschicklichkeit des jungen Mannes, und der Meister betraute ihn
mit der Montage von Uhrwerken. Als der Meister starb, leitete William
die Werkstätte mit drei Gehilfen und drei Lehrlingen.
1888 hatte er
ausgelernt; er kam über Dresden, Meißen nach Nürnberg
zu Schuckert. Von dort ging es nach Budapest und wieder zurück
nach Franken, wo er 1890 bei Reiniger Gebbert & Schall
(RGS) vorstellig wurde. Niendorf schildert in seinem "Lebenslauf":
... /Ich/ bewarb mich bei Reiniger, Gebbert & Schall um eine
Stellung. (Die Firma wurde in Mechanikerkreisen "Erlanger Taubenschlag"
genannt). Gleichzeitig mit mir traten ein Wiener, ein Münchener
und ein Westfale ein. Die zwei ersteren wurden nach 14 Tagen wegen
ungenügender Leistung entlassen. Der Westfale ging nach etwa
8 Wochen selbst weg, und ich bin 43 Jahre dort geblieben."
Max Gebbert
wurde bald auf die außergewöhnlichen Begabungen des jungen
Mechanikergehilfen aufmerksam und übertrug ihm Entwicklung
und Bau einer zahnärztliche Bohrmaschine mit elektromotorischem
Antriebe. Niendorf löste diese Aufgabe, entwickelte die erste
Zahnbohrmaschine und startete somit die elektrodentale Produktion
bei RGS.
1899 wurde er
Werkmeister und schon 1903 ernannte ihn Max Gebbert zu seinem Betriebsleiter.
Nach dem frühen Tode Gebberts und der Umwandlung des Unternehmens
in eine AG übernahm Niendorf 1907 die technische Leitung. Er
wurde bald in den Vorstand der RGS gewählt und gehörte
später auch dem Vorstand der Veifa-Werke AG (Vereinigte Elektrotechnische
Institute Frankfurt / Aschaffenburg) in Frankfurt/Main an. 1921
wurde er in den Aufsichtsrat der INAG AG gewählt (Vereinigte
Industrieunternehmungen AG, eine Art Holding, der auch RGS, später
SRW angehörte).
Um die Jahrhundertwende war Gebbert war mit seiner Firma in wirtschaftliche
Bedrängnis geraten. 1907, nach seinem Tod, wurde RGS in eine
Aktiengesellschaft umgewandelt. Niendorf erinnert sich: "/Es
wurde/ uns von der Darmstädter Bank ein Kredit von ca. RM 600.000.-
angeboten und dadurch wurden wir wieder flott, allerdings mussten
Städte-Zentralen, wie Zirndorf, Neustadt/Aisch, Winzheim und
einige andere Zentralen teilweise unter dem Buchwert verkauft werden.
Außerdem wurde auch die Abteilung Elektro-Messinstrumente
abgestoßen, und wir konzentrierten uns ganz auf elektromedizinische
bzw. Röntgen-Apparate." Das Bild zeigt den ersten
Versuchsmotor für Hofzahnarzt Schneider, den William Niendorf
konstruiert hat.
Unter Niendorf
entwickelte sich das Unternehmen zu einer in aller Welt geachteten
und anerkannten Spezialfabrik zur Herstellung elektromedizinischer
und Röntgen-Apparate. Er wurde Technischer Direktor und blieb
es bis zu seinem Ausscheiden in den Ruhestand im Jahre 1933.
Über die
Jahre des Ersten Weltkriegs schreibt Niendorf in seinem "Lebenslauf":
"Während des Krieges, 1914/18 war ich vielfach genötigt,
wegen Aufträge nach Ingolstadt, München, Wien, Siegburg
usw. zu fahren". In Folge eines sehr großen Auftrages
wurde ihm 1924 der Titel "Kommerzienrat" verliehen.
Der Inag
AG gehörten u. a. folgenden Unternehmen an:
- Koch &
Sterzel, Transformatoren- und Röntgenwerk (TuR), Dresden
- Polyphos,
Elektrizitätsgesellschaft mbH, München
- Reiniger,
Gebbert & Schall AG, Erlangen
- Sanitas,
Elektrizitätsgesellschaft mbH., Berlin
- Richard Seifert
& Co., Röntgengerätefirma, Hamburg
- Siemens &
Halske AG, Berlin
- Veifa-Werke
GmbH, Elektrotechnische Institute, Frankfurt/Main
Nach dem Zweiten
Weltkrieg war RGS zunehmend in finanzielle Nöte geraten. Die
wirtschaftliche Lage weltweit war alles andere als konjunkturbelebend.
Durch spekulative Erwerbsaktionen einer der Direktoren von RGS,
stand der Betrieb Anfang der Zwanziger Jahre einem Schuldenberg
von mehreren Millionen Goldmark gegenüber. 33 Tochterunternehmungen
gehörten RGS, die allesamt in Geldnöten waren.
Es gelang zwar,
die Gläubiger vorübergehend auszuzahlen, was aber keine
dauerhafte Lösung brachte. William Niendorf und Theodor Sehmer,
der mit Max Anderlohr im Bereichsvorstand war, bemühten sich
um einen potenten Partner und wandten sich an die Direktion von
Siemens & Halske in Berlin. Deren Reaktion war zunächst
ablehnend, weil das Objekt zu klein war. Nach mehrmaligen Anläufen
konnte man die hohen Herren aus Berlin doch von drei gewichtigen
Argumenten überzeugen, nämlich dass
- die Produkte
erstklassig waren
- die Verkaufsorganisation
ausgezeichnet war
- wie es Niendorf
formulierte "...wir in dieser Verkaufsorganisation eingearbeitete
Beamte haben."
Niendorf wusste:
"Selbstverständlich ist für Siemens neben dem
Beamten- auch der eingearbeitete Arbeiterstamm sehr wertvoll, und
es ist ja, wie ich wohl schon erwähnte, Vorsorge getroffen,
dass der Sitz der Firma Reiniger, Gebbert & Schall in Erlangen
bleibt. Um dem noch mehr Ausdruck zu geben, ist auch die Bedingung
von Siemens akzeptiert worden, dass ein bayerischer Staatsbankdirektor
in den Aufsichtsrat der RGS gewählt wird".
Niendorf kommentiert
den Zusammenschluss von RGS mit S&H im Jahre 1925 folgendermaßen:
"Übrigens ist der Grund zum wiederholten Herantritt
an Siemens & Halske nicht allein in wirtschaftlichen Schwierigkeiten
zu suchen gewesen, sondern dieser Anschluss wurde auch deshalb erstrebt,
weil andere Elemente zweifellos beabsichtigten,... die Gesellschaft
wieder an eine Bank und an andere Kapitalisten zu bringen, die in
erster Linie ihre eigenen kommerziellen Zwecke damit befriedigen
wollten; während die Herrn, die den Anschluss an Siemens befürwortete,
d. i. Dr. Sehmer, Dr. Müller und Direktor Niendorf, die Interessen
der Gesellschaft darin gesehen haben, die Firma zu sanieren und
innerlich erstarken zu lassen, was nur durch den Anschluss an Siemens
& Halske erreicht werden konnte. Dadurch wurde auch die für
beide Firmen bisher unangenehm wirkende Konkurrenz beseitigt."
Mehr als 42
Jahre hatte sich Niendorf um das Unternehmen und die elektromedizinische
Technik verdient gemacht. Nach seinem Übertritt in den Ruhestand
im Jahre 1933 blieb er noch einige Jahre als Mitglied des Aufsichtsrates
von SRW zur Verfügung.
Am 18. März
1960 verstarb William Niendorf im 90. Lebensjahr und wurde auf dem
Altstädter Friedhof beigesetzt.
(Artikel veröffentlicht
in: Icare online 17. März 2005)
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Heinrich
Emanuel von Buol (1880-1945)
Der Mann, der die Fusion zwischen Siemens und RGS in Erlangen durchführte,
starb vor 60 Jahren.
Heinrich
v. Buol (1880-1945)
Durch Abstammung war Heinrich v. Buol Schweizer Staatsbürger.
Er kam am 9. Februar 1880 in Wien zur Welt und erhielt 1897 die
österreichische Staatsbürgerschaft.
Nach dem Abitur
an der Oberrealschule in Wien legte er beide Staatsexamina für
Maschinenbau und Elektrotechnik an der Technischen Hochschule in
Wien ab und graduierte 1902 zum Dipl.-Ingenieur. Im Oktober 1903
trat er nach Absolvierung des Einjährigenjahrs bei der Union
Elektrizitäts-Gesellschaft in Wien als Volontär ein.
Ausbildung
und Werdegang bei S&H
Im April 1906 kam v. Buol als Labor-Ingenieur zur Firma Siemens
& Halske ins Wernerwerk nach Berlin-Siemensstadt, wo er 1910
stellvertretender Leiter der Messinstrumenten-Abteilung (M-Werk)
wurde.
1915 wurde er
Leiter der Abteilung drahtlose Telegraphie und Messgeräte in
Berlin. 1917 erwarb er die Prokura, und 1920 erfolgte seine Ernennung
zum Abteilungsdirektor. 1921 übernahm er die Leitung des M-Werkes,
das die Abteilungen für elektrische und wärmetechnische
Messinstrumente, für Wassermesser und für das Gebiet der
Elektromedizin und der Röntgentechnik umfasste. Diesem Zweig
der Technik gehörte seine besondere Aufmerksamkeit und seine
Zuneigung.
Stabwechsel
in Erlangen - offener Widerstand bei RGS
Unter seiner Leitung und man kann sagen, unter seiner Obhut, wurde
der Zusammenschluss der elektrotechnischen Abteilung von S&H
und RGS in Erlangen durchgeführt. V. Buol wurde 1925 Mitglied
des Aufsichtsrates von RGS, später SRW. In den folgenden Jahren
war er oftmals in Erlangen, nicht nur zu Besprechungen mit der Firmenleitung,
sondern auch in Veranstaltungen der Belegschaft, da er großen
Wert darauf legte, den Zusammenschluss auch in menschlicher Beziehung
zu harmonisieren. Ein schweres Unterfangen, da man in Erlangen dem
Berliner "Zuwachs" mit unverhohlenem Misstrauen begegnete.
So hielt er
auch 17. Februar 1934 vor den Mitarbeitern der SRW eine seiner bewegenden
Ansprachen, aus denen sein zutiefst empfundenes und gelebtes soziales
Engagement zu spüren ist:
"Ich weiß, dass im Jahre 1925 die Nachricht, der Siemens-Konzern
habe maßgebenden Einfluss auf RGS gewonnen, von der Belegschaft,
von der Ortsbevölkerung und auch von manchen Behörden
durchaus nicht mit ungeteilter Sympathie aufgenommen wurde... Jedes
Gerücht, das in die Welt gesetzt wurde - sei es, um einem andern
Nutzen, oder mindestens uns Schaden zu bringen - wurde geglaubt
und es ist mir ... nicht gelungen ... zu überzeugen, dass wir
nicht die Absicht haben, den Erlanger Betrieb im geeigneten Augenblick
still zu setzen und den Betrieb nach Berlin zu verlegen."
Aber er gab
auch seiner Zuversicht Ausdruck, dass die Menschen ihre Meinung
hinsichtlich des Siemens-Konzerns ändern würden:
"Vielleicht
haben die letzten Jahre der schweren Krisis, die so viele Betriebe
zum Erliegen brachte, doch manchen davon überzeugt, dass der
starke Rückhalt im Hause Siemens auch diesem Betrieb von Nutzen
war".
V. Buol erinnerte
in dieser Rede eindringlich daran, dass die der Erfolgs eines Betriebs
auf zwei Säulen fußt: auf dem wirtschaftlichen Erfolg
und auf dem "...Gefühl der Zusammengehörigkeit
aller im Betriebe Tätigen. ... kurz gesagt, dem Gefühl,...
dass nicht nur er (der Mitarbeiter) dem Unternehmer gegenüber
Pflichten hat, sondern dass auch das Unternehmen ihm gegenüber
sich verbunden und verpflichtet fühlt."
Er sicherte
unter anderem zu, dass die Prämien für 25jährige
Betriebszugehörigkeit an die des Stammhauses in Berlin angeglichen
würden und stellte den Lehrlingen im 3. und 4. Jahrgang eine
mehrtägige Reise nach Berlin-Siemensstadt in Aussicht.
Ernennungen
und Würdigungen
1925 wurde er als stellvertretendes Mitglied in den Vorstand von
Siemens & Halske berufen. Im März 1927 erfolgte seine Ernennung
zum Ordentlichen Vorstandsmitglied. Ab April 1927 leitete er als
Vorsitzender die Normenstelle der Deutschen Röntgengesellschaft.
Am 1. März 1932 wurde er zum Vorsitzenden des Vorstandes der
Siemens & Halske A, 1937 wurde er zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates
der SRW ernannt. Die Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen
verlieh ihm 1942 die Ehrensenator-Würde.
Unerschütterliche
Tapferkeit bis in den Tod
V. Buol galt zu Recht als Gegner des herrschenden Naziregimes. Und
er stellte sich diesem unter Einsatz seines Lebens entgegen. Georg
Siemens berichtet aus eige-nem Erlebnis, dass eines Tages einer
seiner engsten Mitarbeiter in völliger Verzweiflung zu v. Buol
kam und berichtete, die Polizei habe am Vorabend seine jüdische
Frau zum Abtransport in ein Sammellager abgeholt. V. Buol warf sein
Tagesprogramm um und begab sich zu dem verantwortlichen SS-Führer.
"Was sich zwischen den beiden Männern abgespielt hat,
ist nie bekannt geworden, aber die schwere Auseinandersetzung zitterte
noch in der Erregung nach, mit der v. Buol nach seiner Rückkehr
dem Mitarbeiter sagte, er hoffe auf einen Erfolg seiner Intervention.
Wenige Tage später wurde die Frau als einzige des Transports
wieder freigelassen".
H.
v. Buols Grabmal in Bavendorf / Ravensburg
Heinrich v. Buol war im wahrsten Sinne des Wortes treu bis in den
Tod. Ende April 1945, als die Rote Armee Berlin besetzte, weigerte
er sich, "sein" Unternehmen zu verlassen. Nachdem er von
den Russen nach Moskau verschleppt wurde, erschoss sich Heinrich
v. Buol im Mai 1945 in der Gefangenschaft.
Georg Siemens
schreibt in seinem Nachruf: "Als er bald darauf (nach der
Freilassung der jüdischen Frau) selbst in die Hände eines
anderen, kaum minder grausamen politischen Systems fiel, war niemand
da, der ihm helfen konnte; er stand allein seinem Schicksal gegenüber.
... Er fiel am 1. Mai 1945 für das Haus, dem er sein Leben
geweiht hatte".
In Erlangen
ist seit 1966 eine Straße in Sieglitzhof nach ihm benannt.
(Artikel veröffentlicht
in: Icare online 2. Mai 2005 )
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Der Mann,
der "Siemens nach Erlangen brachte" wurde vor 120 Jahren
geboren
Theodor
Sehmer (1885-1979)
Theodor Sehmer wurde am 2. Juni 1885 als Sohn des Gründers
der Maschinen- und Turbinenfabrik Ehrhardt & Sehmer in St. Johann
/ Saarbrücken geboren. Nach dem Abitur studierte Sehmer zunächst
Maschinenbau, dann wandte er sich der Volkswirtschaft an der Universität
Kiel zu. Sein Professor Bernhard Harms brachte ihm das Studium der
Weltwirtschaft nahe. 1911 endete seine Ausbildungszeit mit der Promotion,
die damals zum Führen des Titels eines Dr. phil. berechtigte.
Nach dem sogenannten
Einjährigen-Jahr, einer Art Wehrdienst, trat er als wissenschaftlicher
Hilfsarbeiter in den Bayerischen Industrieverband ein, wo er nach
dem Ersten Weltkrieg als stellvertretender Syndikus und bald darauf
als Syndikus von acht bayerischen Industrie-Verbänden tätig
war.
1921 wurde Sehmer
in den Vorstand der INAG (Industrie-Unternehmungen AG), eine Holdinggesellschaft
für eine Reihe von in- und ausländischen Beteiligungen
der RGS in Erlangen, berufen.
Sehmer und
RGS
1907, kurze Zeit nach dem Tod Max Gebberts (1906), wurde RGS rückwirkend
ab 1. August 1906 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Weltwirtschaftskrise,
Inflation und unternehmensschädigende Käufe eines Direktors
brachten das Unternehmen in existentielle Bedrängnis.
Sehmer sah sich
nach einem zahlungskräftigen Partner um und trat im Sommer
1924 in Verhandlungen mit Siemens & Halske (S&H). Das Berliner
Unternehmen, das seit 1847 bestand, war seit langem eine Weltfirma.
Zum Zeitpunkt des Todes von Werner von Siemens 1892 beschäftigte
es fast 7000 Mitarbeiter.
Am 31. Dezember
1924 fanden die entscheidenden Gespräche im Siemenshaus in
der Schöneberger Straße in Berlin statt. Nach anfänglichem
Zögern stimmten Carl Friedrich von Siemens und der Vorstandsvorsitzende
Dr. Heinrich von Buol einer Fusion zu. Siemens übernahm die
gesamten Finanzen, die Fabrikation und die Vertriebsorganisation
von RGS im In- und Ausland.
1932 wurde zum
Zwecke rationellerer Produktion die Fabrikation der elektromedizinischen
Erzeugnisse des Siemens-Wernerwerkes Berlin nach Erlangen verlegt.
Die SRV GmbH, RGS und das Röhrenwerk Phönix in Rudolstadt
wurden zu einer strafferen Organisation unter dem Namen Siemens-Reiniger-Werke
(SRW) zusammengefasst.

Theodor Sehmer
(links) mit Königin Mary und Lord Mayor von London 1950 auf
der Weltausstellung in London
Aufbau -
Zusammenbruch - Wiederaufbau
Sehmer leistete fast 20 Jahre lang mühevolle Aufbauarbeit im
Ausland, initiierte Niederlassungen in 19 Ländern und stellte
eine weltweite Vertriebsorganisation auf die Beine. Der Zweite Weltkrieg
machte sein Werk völlig zunichte.
Nach dem Krieg
leistete Sehmer, der mit Max Anderlohr die Vorstandsgeschäfte
von RGS leitete, unermüdliche Wiederaufbauarbeit - hauptsächlich
in Südamerika. Da die zivile Luftfahrt den Deutschen unmittelbar
nach dem Krieg verwehrt blieb, reiste Sehmer wochenlang auf dem
Seeweg und war zum Teil bis zu 200 Tage im Jahr unterwegs. Bis 1952
hatte er folgende Staaten besucht: Brasilien, Uruguay, Argentinien,
Chile, Bolivien, Perú, Ecuador, Columbien und Venezuela ?
und in allen bis auf Ecuador Vertretungsverträge abgeschlossen.
Sehmer schied
1956 aus der Firma aus und wurde wie auch Anderlohr in den Aufsichtsrat
von SRW berufen. Zu dieser Zeit waren im Erlanger Betrieb 3300 Menschen
beschäftigt - aufgrund der erheblichen Vergrößerung
des Werks und des erhöhten Umsatzes wesentlich mehr als vor
dem Krieg.
Theodor Sehmer
verstarb am 15. März 1979 94jährig in Tegernsee. Bis zuletzt
blieb er "seiner" Firma in engagierter Korrespondenz verbunden.
(Veröffentlicht
in: Icare online 29. August 2005)
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Vor 30 Jahren
starb Joseph Wilhelm Freiherr von Bissing, zu Lebzeiten Vorstandsmitglied
der Siemens-Reiniger-Werke
Joseph-Wilhelm
Freiherr v. Bissing
Joseph-Wilhelm Freiherr v. Bissing wurde am 3. Juni 1900 in
Freiburg / Breisgau geboren. Seine Schulausbildung absolvierte er
zunächst in Schlesien und von 1914 an in Berlin, wo er auch
die Reifeprüfung ablegte.
Lehrjahre
und Kriegsdienst
Während
des Ersten Weltkriegs wurde er schwer verwundet. Nach seiner Genesung
begann er das Studium der Rechte, das er 1924 mit der Promotion
abschloss.
Bissing trat
nach dem Studium bei Siemens & Halske in Berlin-Siemens-Stadt
ein, wo er als Assistent beim kaufmännischen Leiter tätig
war. 1937 wechselte er zur Siemens-Reiniger-Werke AG in Berlin über
und wurde mit der Leitung der Finanzabteilung betraut. Im Juli 1939
wurde er zum Abteilungsdirektor ernannt.
Von 1939 bis
1942 leistete er erneut Wehrdienst. Nach Kriegsende bemühte
er sich um den Wiederaufbau der Deutschen Telefonwerke und Kabelindustrie
AG, die durch die Luftangriffe schwer zerstört und später
von den Russen restlos demontiert worden waren.
Berufung
zu SRW nach Erlangen
Mitte
1946 wurde v. Bissing als ordentliches Vorstandsmitglied in den
Vorstand der SRW nach Erlangen berufen, wo er durch Übernahme
der kaufmännischen Leitung und des Finanzwesens die beiden
damaligen Vorstandsmitglieder Theodor Sehmer und Max Anderlohr entlastete.
Nach deren Ausscheiden 1961 wurde er in den SRW-Vorstand bestimmt,
der auf vier Mitglieder erweitert worden war. 1966 beendete er seine
aktive Laufbahn bei SRW.
22 Tage Streik
In
v. Bissings Amtszeit fiel der legendäre Streik
von 1954. Die Arbeitsniederlegung dauerte vom 9. bis zum 31. August
und forderte von beiden Seiten hohe finanzielle und persönliche
Opfer. An diesem Metallerstreik waren nahezu 100 000 Arbeitnehmer
bayernweit beteiligt. In einer Ansprache an die Belegschaft von
SRW am 21. August 1954 sagte v. Bissing u.a.:
Wir
wissen ... genau, dass ein überwiegender Teil der heute hier
nicht Anwesenden im Grunde genommen auch arbeitswillig ist, wenn
er bloß diesen Arbeitswillen so bekunden könnte, wie
es ihm sein mit der Firma verwachsenes Herz diktiert. Ich kann mir
nicht vorstellen, dass die vielen alten Mitarbeiter aus guten und
schlechten Zeiten ihren Arbeitsplatz vergessen haben und dass es
ihnen egal ist, ob nun Exportaufträge, wie z. . der gerade
im Augenblick gefährdete Großauftrag aus Übersee
verloren geht. Hierüber wird sich die Konkurrenz und auch die
Streikleitung ins Fäustchen lachen. Ich weiß vielmehr,
dass der Großteil dieser ehrlich mit sich kämpfenden
Mitarbeiter vor einem Konflikt steht, der nicht leicht zu überwinden
ist, teils, weil sie sich an eine Organisation gebunden fühlen,
in Wahrheit aber zum Teil auch oft aus Angst...
Ehrenamtliches
und wissenschaftliches Engagement
Bissing
war ehrenamtlicher Schatzmeister des Universitätsbundes Erlangen,
Ehrensenator der Universität Erlangen-Nürnberg und Erster
Kassenführer der Deutschen Röntgengesellschaft.
Im Mai 1963
erhielt v. Bissing den goldenen Ehrenring der Stadt Erlangen. In
der Laudatio durch den Stadtrat hieß es: Als Wirtschafts-
und Finanzfachmann an der Spitze eines weltbekannten Industrieunternehmens
hat Dr. Josef Wilhelm Freiherr von Bissing wesentlichen Anteil,
dass die Stadt Erlangen weit über ihre Grenzen hinaus bekannt
ist. Durch das vor allem von ihm veranlasste und ständig vertiefte
Zusammenwirken zwischen dem von ihm vertretenen Werk und der Friedrich-Alexander-Universität
hat er wesentlich zu dem Weltruf der Erlanger medizinischen Fakultät
wie auch der Siemens-Reiniger-Werke beigetragen.
Josef-Wilhelm
Freiherr von Bissing verstarb am 21. Mai 1976 im Alter von 75 Jahren
und wurde auf dem Altstädter Friedhof in Erlangen beigesetzt.
(Artikel veröffentlicht
in: Icare online 13. Juli 2006)
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Ein universeller
Röntgenforscher, Politiker und Naturphilosoph wäre am
19. Juli 2006 125 Jahre alt geworden - seine Lebensgeschichte
Friedrich
Dessauer
Friedrich Dessauer wurde am 19. Juli 1881 in Aschaffenburg als zehntes
von elf Kindern des Kommerzienrats Philipp Dessauer, Generaldirektor
zweier Aktiengesellschaften für Zellstoffe und Papierfabrikation,
und seiner Frau Elise geboren.
Reiz der
Technik
Schon
als Kind übte die Welt der Technik eine sehr große Anziehungskraft
auf ihn aus. "...war ich in jeder freien Stunde (ja, ich
gestehe, auch mancher, die mir nicht freigegeben war) zu den Maschinen
und Menschen, die solche stählernen Riesen regierten, entschlüpft...
Das war Schaffen, Gestalten, Leben, da war ordnender Geist, und
das er schien mir so viel größer, ernsthafter, wichtiger
als Ciceros langweilige Briefe und des Demosthenes beschwörende,
doch nutzlose Reden vor den harthörigen Athenern".
Den Vierzehnjährigen erreichte die Nachricht von der Entdeckung
der Röntgenstrahlen. "Einige Tage später kamen
die ersten Nachrichten in die Zeitungen, und so erfuhren wir ganz
nahe bei Würzburg, in Aschaffenburg, im elterlichen Haus davon.
Sehr bald baute ich mir meinen eigenen Röntgenapparat".
1899 legte Friedrich
Dessauer sein Abitur ab und veröffentlichte einen Aufsatz zum
Thema "Konstruktion eines neuen einfachen Röntgeninstrumentariums".
Dies war der Auftakt zu fast 600 Publikationen, die aus seiner Feder
stammten. Seine Schriften befassen sich mit den physikalischen und
biologischen Grundlagen und den medizinisch-technischen Anwendungen
von Röntgenstrahlen sowie mit seinen philosophisch-religiösen
Gedanken im Spannungsfeld religiöser Überzeugung und wissenschaftlicher
Beweisführung.
Röntgeningenieur
und Firmengründer
Dessauer
studierte Physik in München und Darmstadt. Nach vier Semestern
brach er das Studium vorübergehend ab, um sich der Entwicklung
und Fertigung von Röntgeneinrichtungen widmen zu können.
1901 gründete er zu diesem Zweck das Elektrotechnische La-boratorium
Aschaffenburg (ELA). Im gleichen Jahr erlitt er eine heftige Strahlenverbrennung
im Gesicht und am Oberkörper, da er bei seinen Versuchen keine
Vorsicht walten ließ. Sein Schwager Dr. Wiesner berichtete,
dass sich Dessauer zweimal einer längeren und intensiven Bestrahlung
aussetzte. Die Folge "war eine eitrig-geschwürige Entzündung
über das ganze Gesicht mit heftiger Reizung der Bindehaut beider
Augen sowie eine gleich starke Reaktion an der Brust".
1907 fusionierten
das ELA und das Elektrotechnische Institut Frankfurt. Daraus entstanden
die Vereinigten Elektrotechnischen Institute Frankfurt-Aschaffenburg
mbH (Veifa) mit Friedrich Dessauer als Geschäftsführer
(Veröffentlicht
in: Icare online 20. Juli 2006)
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Zum
125. Geburtstag von Max Anderlohr (1884-1961):
30 Jahre Chef der Erlanger Medizintechnik und Mäzen der Stadt
Erlangen
Dr. Max Anderlohr
(1884-1961): Vorstandsmitglied der Siemens-Reiniger-Werke AG und
Ehrenbürger der Stadt Erlangen.
Franz Maximilian
Anderlohr wurde am 13. Februar 1884 als Sohn eines Kapitäns
in Aschaffenburg geboren und wuchs in einem großen Geschwisterkreis
heran.
Ausbildung
und Studium
Er
besuchte dort die Realschule, die er mit der Mittleren Reife abschloss.
Nach einem Praktikum in einer Messwerkzeugfabrik studierte er sechs
Semester an der Höheren Technischen Staatslehranstalt in Hildburghausen/
Thüringen und legte seine Abschlussprüfung als Elektroingenieur
ab.
Erste
Röntgen-Erfahrungen
1903 hatte er ein bahnbrechendes Erlebnis im technischen Laboratorium
des Röntgenpioniers Friedrich Dessauer: er erlebte die neue
Röntgentechnik und ahnte deren zukünftige Bedeutung. Mit
Weitblick erkannte er, dass
"in der österreichischen Monarchie große Absatzmöglichkeiten
für Röntgen- und elektromedizinische Apparate gegeben
seien".
Im Juni 1906
begann er seine berufliche Karriere als Konstrukteur bei der AEG
in Berlin. Nach Tätigkeiten an verschiedenen anderen Arbeitsstätten
beschäftigte er sich bei den Veifa-Werken (Vereinigte Elektrotechnische
Institute Frankfurt-Aschaffenburg GmbH), im technischen Innen- und
Außendienst mit der medizinischen Anwendung der Röntgenstrahlen.
Im Januar 1908
folgte Anderlohr dem Ruf seines Freundes Dessauer, der die Veifa-Werke
in Frankfurt/Main gegründet hatte. Eine Periode fruchtbarer
Forschung begann: Entwicklung von Hochfrequenzapparaten für
Krebsbehandlung, Verbesserung von Röntgen-Schalttischen, von
Aufnahme- und Durchleuchtungsgeräten.
Jahre
in Wien - RGS als starke Konkurrenz
1908 machte Anderlohr seine erste Reise nach Wien, im selben Jahr,
in dem Franz Josef I. sein 60-jähriges Regierungsjubiläum
feierte. 1909 siedelte er nach Wien über, wo er ein Büro
der Veifa-Werke einrichten wollte. Max Anderlohr lieh sich von seinem
Vater 20.000 Reichsmark und übernahm am 9. Februar 1909 die
Generalvertretung der Veifa-Werke in Wien. Damit trat er in harte
Konkurrenz zu RGS.
Im Jahre 1916
hatten die Veifa-Werke stark expandiert und das Geschäftsvolumen
war dem der RGS-Niederlassung ungefähr gleich geworden. Doch
der Erste Weltkrieg machte dieser Entwicklung ein Ende. Die Veifa-Werke
lehnten Kriegslieferungen ab. Der Ausfall des Exports und der allgemeine
Bestellrückgang brachten die Veifa-Werke in Frankfurt und später
auch in Wien in ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten.
Die Vorstandschaft
von RGS machte Prof. Dessauer ein günstiges Angebot auf die
Veifa-Anteile und bot Max Anderlohr im Sommer 1916 die Leitung beider
Gesellschaften in Wien an. Im Jahre 1921 übernahm Anderlohr
die Leitung der Veifa-Werke in Frankfurt/Main.
Im Jahre 1919
hatten der Elektroingenieur Alfred Ungelenk (1890-1978) und der
Glasbläser Otto Kiesewetter (1874-1938) die oHG "Ungelenk
& Kiesewetter zur Erzeugung von medizinischen Röntgenröhren
und verwandten Vakuumröhren in Rudolstadt/Thüringen"
gegründet. Wichtigster Kunde wurden die Veifa-Werke. Eineinhalb
Jahre später wurde die "Phönix GmbH, Glastechnische
Werkstätten in Rudolstadt/Thüringen" gegründet.
1922
entschloss sich Max Anderlohr, eine Röntgenröhrenfabrik
für RGS in Rudolstadt zu errichten. "Für den Ausbau
in Rudolstadt sprach die Bodenständigkeit der Glasbläser,
die Nähe der Glashütten, ferner die Bereitschaft der Stadtverwaltung...,
uns ein geeignetes Fabrikgelände zu günstigen Preisen
käuflich zu überlassen..." Er versetzte das ihm
geeignet erscheinende Fachpersonal nach Rudolstadt und legte die
Röhrenfertigungen in Erlangen und München still. Die Veifa
wurde bei der Fusion zwischen S&H und RGS mit einbezogen, es
entstand die "Siemens-Reiniger-Veifa-Werke AG" (SRV).
1932 wurde in einer zweiten Fusion auch das Röhrenwerk integriert,
und das Unternehmen firmierte fortan unter "Siemens-Reiniger-Werke
AG" (SRW). Das Röhrenwerk hieß nun "Siemens-Reiniger-Werke
AG Röntgenröhrenwerk Rudolstadt", mit einer Belegschaft
von 240 Mitarbeitern.
Vorstandsmitglied
bei RGS
Im Jahre 1925 wurde Anderlohr in den Vorstand von RGS berufen. Gleichzeitig
wurde ihm die technische Leitung des Hauses übertragen. Durch
seine weitsichtige Planung, zahlreiche zweckvolle Erweiterungsbauten,
intensive Forschungs- und Entwicklungsarbeit und neuzeitliche Fertigungsmethoden
schuf Anderlohr eine Produktionsstätte, die weltweite Bedeutung
erlangte.
Unter Anderlohrs
Leitung vollzog sich 1927 die reibungslose Verlegung der Fabrikation
der Veifa-Werke AG von Frankfurt nach Erlangen. 1932/33 konnte nahezu
die gesamte elektromedizinische Produktion in die Erlanger Fertigungsstätten
eingegliedert werden.
Im Winter 1923/24 unternahm Anderlohr seine erste Amerikareise.
Er besuchte zahlreiche Ärzte und Krankenhäuser, General
Electric Co. und William Coolidge, den Erfinder der Glühkathodenröhre.
"Wichtige neue Apparate und Geräte, wie sie drüben
in vielen gut eingerichteten Röntgeninstituten verwendet wurden,
habe ich eingekauft und als Muster für unsere Fabriken in Erlangen
und Frankfurt schicken lassen. Darunter befand sich der "oil
immersed unit", ein für zahnärztliche Zwecke entwickelter
Röntgenapparat mit einem im Gehäuse eingebauten Transformator
und einer Röntgenröhre. Dieser Apparat kann als Vorläufer
der Röntgenkugel angesehen werden, die ich im Jahre 1932 hier
entwickeln ließ."
Die 1933/34
auf den Markt gebrachte Röntgenkugel wurde vier Jahrzehnte
lang in hoher Stückzahl weltweit vertrieben und war ein echter
"Renner". Unter Anderlohrs Führung wurde die 1946
erstmals in Europa zur Strahlentherapie aufgestellte 6 MeV-Elektronenschleuder,
das Betatron, entwickelt.
Verlust
des Röhrenwerkes Rudolstadt
Der Ausgang des Zweiten Weltkrieges hatte nachhaltige Auswirkungen
für das Röhrenwerk in Rudolstadt. Ende März 1945
erreichte die Front der Alliierten Thüringen. Am 3. April gelang
den Amerikanern der Durchbruch, und das Werk wurde stillgelegt.
Am 5. Juni wurde die Fertigung wieder aufgenommen. Im Juni wuchs
die Gewissheit, dass die westlichen Alliierten nicht auf Dauer in
Thüringen stationiert bleiben würden. Man begann, wichtiges
Material und Personal nach Erlangen zu transportieren, da eine russische
Besetzung und die Übernahme des Werkes durch die Besatzungsmacht
zu befürchten war. Anderlohr bat die amerikanische Militärregierung
um Hilfe und holte "mit Genehmigung und Unterstützung
der US-Besatzungsmacht mit mehreren Lastzügen bis Ende Juni
1945 Maschinen, Einrichtungsgegenstände, Material und Fachkräfte
von Rudolstadt nach Erlangen". Die Enteignung durch die sowjetische
Besatzungsmacht kam im Mai 1947.
Zwangsmitgliedschaft
und "Entnazifizierung"
Anderlohr war während des Dritten Reichs Betriebsführer
der SRW in Erlangen und in Rudolstadt. 1937 war er in die NSDAP
eingetreten. Die Mitgliedschaft ging er unter dem allgemeinen Druck
des nationalsozialistischen Regimes ein, um zu verhindern, dass
ein Regierungstreuer sein Amt übernahm, der Parteiinteressen
vor Firmeninteressen stellte.
Unmittelbar nach Kriegsende versuchte Anderlohr, das Werk wieder
in Gang zu bringen, was anfangs auch ohne größere Zwischenfälle
gelang. Umso überraschender kam seine Verhaftung am 28. Juni
1945 durch die amerikanische Militärregierung. Am 1. August
1946 wurde Anderlohr durch die Spruchkammer in die Gruppe der "Mitläufer"
eingereiht. Als mildernder Umstand wurde unter anderem "die
nachweisbare wiederholte Förderung und Unterstützung von
Opfern und Gegnern des Nationalsozialismus" bewertet. Als er
Wochen und Monate später immer noch in Haft saß, wurden
von Betriebsseite verstärkt Petitionen an die Militärverwaltung
gerichtet. Diese reagierte zunächst nicht. Maximiliane Kleindiek,
geb. Anderlohr, berichtet, dass "man ihm nicht einmal gestattete,
meine Mutter anlässlich meiner Geburt zu besuchen". Entlassen
wurde Anderlohr nach wieder aufgenommenem Verfahren erst am 1. März
1946.
Aufbauarbeit
nach dem Zweiten Weltkrieg
Anderlohr errichtete in Erlangen unverzüglich nach seiner Entlassung
ein neues, größeres und technisch auf den neuesten Stand
gebrachtes Röntgen-Röhrenwerk sowie ein chemisches Werk
für die Herstellung von Durchleuchtungs- und Verstärkungsschirmen.
Nach Kriegsende
setzte er sich für angemessene Wohnbedingungen seiner Mitarbeiter
ein. Der soziale Wohnungsbau wurde vorangebracht und eine betriebliche
Pensionskasse geschaffen. Anderlohr
ließ für die Mitarbeiter eine umfangreiche Fachbücherei
einrichten. Kolloquien wurden eingeführt, im Rahmen derer auch
Ärzte und andere firmenfremde Wissenschaftler Vorträge
hielten.
Soziales
Engagement und öffentliche Auszeichnungen
Max Anderlohr nahm immer regen Anteil am öffentlichen Leben.
Er war u. a. Kuratoriumsmitglied der Volkshochschule und Kuratoriumsvorsitzender
der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft der Universität Erlangen
sowie Schatzmeister des Universitätsbundes, Vorsitzender der
Gesellschaft der Freunde und Förderer des Deutschen Röntgenmuseums
sowie Kassenführer der Deutschen Röntgengesellschaft.
Entsprechend seinen mannigfachen Verdiensten wurden Anderlohr mehrere
Ehrungen zuteil, darunter die Ehrendoktorwürde, die Ehrensenatorwürde
der Universitäten Stuttgart und Erlangen, das Verdienstkreuz
der Bundesrepublik Deutschland, die Ehrenbürgerschaft der Stadt
Erlangen sowie die Deutsche Röntgen-Plakette der Deutschen
Röntgengesellschaft. Diese ernannte ihn zum Ehrenmitglied,
eine besondere Auszeichnung für einen Nicht-Mediziner.
1952 schied
Anderlohr aus dem Vorstand der SRW aus und wechselte in den Aufsichtsrat,
dem er noch bis 1959 angehörte.
Privatleben
Im Zweiten Weltkrieg verlor Max Anderlohr beide Söhne aus erster
Ehe. 1942 verheiratete er sich zum zweiten Mal. Aus dieser Ehe ging
eine Tochter hervor.
Die Erinnerung von Maximiliane Kleindiek, geb. Anderlohr, an ihren
Vater ist heute noch sehr präsent:
"Ich habe meinen Vater als einen sehr warmherzigen, liebevollen
und fürsorglichen Menschen mit großer Ausstrahlung in
Erinnerung. Alle Herzen flogen ihm zu, und gleichzeitig wurde er
von allen Menschen mit großem Respekt behandelt.
Er lebte nach der Maxime: Mit wachem Verstand die Umwelt wahrnehmen,
daraus Konsequenzen für das eigene Handeln ziehen und sich
der Freuden und Leiden seiner Mitmenschen annehmen. Er stellte hohe
Ansprüche an sich selbst, aber auch an seine engen Mitarbeiter.
Andererseits nahm er sich stets Zeit für diejenigen, die seinen
Rat und seine Hilfe suchten und machte dabei keinerlei soziale Unterschiede.
Trotz seiner verantwortungsvollen Tätigkeit und der zahlreichen
Aufgabenfelder war es ihm sehr wichtig, Zeit für die Familie
und für Freunde zu haben. Ich hatte nie das Gefühl, dass
ihn seine Arbeit davon abhielt, mit meiner Mutter und mir zusammen
zu sein. Gastfreundschaft wurde groß geschrieben; mehrmals
in der Woche waren Gäste im Haus.
Mein Vater
war ausgesprochen bibliophil. Von Jugend an sammelte er Bücher;
auf seine umfangreiche Bibliothek war er sehr stolz. Über alle
Ehrungen hat er sich von Herzen gefreut und sie mit großer
innerer Dankbarkeit angenommen."
Am 6. Januar
1961 starb Max Anderlohr in Erlangen und wurde unter großer
Anteilnahme der Bevölkerung und der Firmenbelegschaft auf dem
Erlanger Zentralfriedhof beigesetzt.
Den Nachruf auf den großen Unternehmer und berühmten
Bürger der Stadt Erlangen hielt Domkapitular Dr. Freiherr von
Pölnitz in bewegenden Worten:
"/Max
Anderlohr/ war wirklich ein Herr' im alten Sinne des Wortes.
... Und daher kam das große Vertrauen der Tausende, die er
später zu betreuen hatte. Er war ihr Vorgesetzter, sie wussten
es wohl, aber er war auch ein Herr als Vorgesetzter und noch mehr,
er war ein väterlicher Herr... die Kurve seines Erfolges im
Leben ist eine unheimliche gewesen. Man muss wirklich sagen, ein
einziger großer Zug des Sieges. Angefangen in den Tagen, in
denen sein väterlicher Freund Professor Dessauer ihn darauf
hinweist, dass in dem Geheimnis der Röntgenstrahlen unendlich
viel liegt, was die neue Zeit würde ergraben müssen, dass
Röntgenforschung entstehen werde, ein Feld fast ohne Ende...
Wie er dann in den Jahren in Wien an dem Lüster dieser wunderbaren
Stadt teilnimmt und gleichzeitig an seinem Werk schon unendlich
vieles schafft. Wie er dann von dort hier in unsere Stadt kommt
und ihr fünfunddreißig Jahre hindurch angehört,
als technischer Leiter der Siemens-Reiniger-Werke und als ihr Vorstandsmitglied.
Wie er dort wirklich sein Lebenswerk baut in der Vergrößerung
und Ausweitung dieses Betriebes auf allen Wegen. Da sehen wir, dieses
Leben ist wahrhaftig eine einzige Via triumphalis."
Doch auch für
Max Anderlohr führte die Straße des Erfolges eines Tages
in die Katastrophe:
"Die härteste Wunde aber, und die tiefste, schlägt
ihm der Krieg. Sie wissen es ja alle, er raubt ihm die beiden Sterne
seines damaligen Lebens, seine zwei Söhne...Sie sind seine
Hoffnung, sie sind sein Glück, und er, der soviel Glück
und soviel Erfolg im Leben gehabt hat, er kann es wahrhaftig nicht
begreifen, dass das sein kann, dass das sein darf, und er braucht
lange Zeit, bis er es versteht..."
Doch gerade
in den schweren Zeiten des Krieges und der Unbill der Jahre danach
zeigt sich Anderlohrs Verbundenheit mit seinem Werk und seinen Mitarbeitern:
"Sie (seine Mitarbeiter) fanden einen Menschen mit Rat,
und wie oft hat er geraten und wie oft hat er all denen, die ihn
als einen alten Kameraden empfunden haben, auch still und ohne,
dass es einer wusste, geholfen... Sie sind glücklich, ihm auch
ein Zeichen ihrer Liebe gegeben zu haben im Laufe des Lebens, damals,
als er in der Not stand, da standen sie zum ihm und zeugten in der
Sammlung ihrer Unterschriften für ihn... Und sie stehen auch
heute wieder hier..."
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